Madame Hemingway von Paula McLain

„Die Ehe konnte ein Mienenfeld sein. In Paris sah man überall die Ergebnisse schlechter Entscheidungen von Liebenden. Ein Künstler, der sich dem sexuellen Exzess hingab, war nahezu ein Klischee, doch keiner schien sich daran zu stören. Solange man nur etwas Gutes, Interessantes oder Sensationelles zustande brachte, konnte man so viele Geliebte haben, wie man wollte, und jede einzelne von ihnen ruinieren. Nicht akzeptabel waren dagegen bürgerliche Werte, etwas Kleines, Gesetztes und Vorhersehbares zu wollen, wie etwa eine einzige, wahre Liebe oder ein Kind.“ Seite 203

Dieses Buch geisterte Ende des letzten Jahres durch einige Blogs und nun ist es durch einen schönen Zufall auch in meinem Bücherregal gelandet.

Erzählt wird die Geschichte der ersten Frau an der Seite Ernest Hemingways: Hadley Richardson. Man begleitet sie bei ihrer ersten Begegnung, bei ihrem Leben im Paris der 1920er Jahre, umgeben von Schriftstellern und Mäzenen, durch Höhe- und Tiefpunkte, bis sich ihre Leben nach etlichen Ehejahren und der Geburt eines Sohnes schließlich trennen.

Paula McLain gelingt es, Hadley Hemingway Leben einzuhauchen. Briefe und Tagebucheinträge bildeten die Grundlage des Buches und lieferten Informationen zum Leben der Hemingways, gaben aber auch genug über die Persönlichkeit Hadleys preis, um sie schließlich zur Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin dieses Buches werden zu lassen.

Hadleys und Ernests Entwicklung zu verfolgen, und besonders sein Reifen als Schriftsteller nachvollziehen zu können, hat für mich das Buch interessant gemacht. Was aber ihre Beziehung zueinander einzigartig macht, sind wohl nur ihre berühmten Namen. Davon abgesehen wird hier eine Liebesgeschichte beschrieben, wie es vor ihr schon einige gegeben hat und nach ihr viele weitere geben wird: Eine dominante, selbstbewusste Persönlichkeit und ein kompromissbereiter, aufopferungsvoller Charakter treffen aufeinander.

„Ernest war auch bildlich gesprochen ein sehr großer Mensch. Er nahm einen Raum ein und zog alles und jeden geradezu magnetisch an: Männer, Frauen, Kinder und sogar Hunde.“ Seite 130

Für Hadley bedeutete das über Jahre hinweg Selbstaufgabe und völlige Abhängigkeit von ihrem Ehemann. – Für die Zeit vielleicht nicht ungewöhnlich, für mich als moderne, emanzipierte Leserin manchmal nur schwer nachvollziehbar. Dabei war mir Hadleys Wesen durchaus sympathisch, nur etwas mehr Eigeninitiative, Selbstbewusstsein und gesunden Egoismus hätte ich ihr gewünscht.

„Auch wenn es schockierend unmodern und wahrscheinlich auch naiv war, glaubte ich fest daran, dass Ernests Karriere jeden Verzicht und jede Schwierigkeit in unserem Leben wert war.“ Seite 255

Ein flüssig geschriebenes Buch, das teilweise leicht vor sich hinplätschert, über eine schwierige Liebesbeziehung und – für meinen Geschmack – leider etwas zu wenig über Kunst und Kultur. Bei Ernest Hemingways zahlriechen Bekanntschaften aus intellektuellen und Künstlerkreisen hätte ich jedenfalls mit noch mehr Informationen gerechnet.

Auf jeden Fall ist es eine schöne Sommerlektüre, die vor dem geistigen Auge schöne Bilder entstehen lässt. Paris-Begeisterte kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Diese  auf Tatsachen beruhenden Details lassen das Buch mehr sein als nur eine Liebensgeschichte. Dennoch steht natürlich die Beziehung zwischen Hadley und Ernest im Mittelpunkt. Die Entwicklung zwischen der anpassungsfähigen, kompromissbereiten Hadley und dem unbeirrbaren Ernest ist gut nachvollziehbar. Obwohl ich manche Szenen als unnötig empfand und die Handlung teilweise in die Länge gezogen ist, kann ich dieses Buch durchaus weiterempfehlen.

Aufbau Verlag
gebunden
456 Seiten
ErstErscheinung 2011
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