Die Brandungswelle von Claudie Gallay

In diesem Buch geht es um Verlust. So. Wenn ich diesen Satz zu dem Buch gelesen hätte, hätte ich es wahrscheinlich nie gelesen. Aber es ist nun einmal so. Man könnte hier auch treffend sagen: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Es ist aber dennoch kein selbstmitleidiges Buch, die „Päckchen“ berühren einfach hier und da das Leben der namenlosen Ich-Erzählerin. Zumindest am Anfang.

In dem kleinen Fischerdorf La Hague im nordwestlichen Frankreich, unter meist von grauen Wolken verhangenem Himmel, lebt die zurückkgezogene Ornithologin. Durch den Fremden Lambert, der eigentlich gar kein Fremder ist, beginnt sie, in den Geschichten der Dorfbewohner herumzustöbern, entdeckt die Tragik in deren Vergangenheit und auch die ein oder anderen Glücksmomente. Das alles hilft ihr, sich mit ihrem eigenen Schicksalsschlag zu versöhnen.

Nun ist es aber nicht so, dass die 560 Seiten mit Unglück, Drama, Kummer und Traurigkeit gefüllt sind und sich der Leser depressiv und dem Nervenzusammenbruch nahe von Seite zu Seite hangeln muss. Ganz im Gegenteil. Prägend für das Buch ist – neben dem Verlust und der Sehnsucht nach Vergangenem, Unwiederbrichlichem – die  Liebe zur Natur, zu den Tieren und zum Meer, zur rauen Küste und tosenden Fluten.

„Unter der Gewalt des Sturms schlangen sich die schwarzen Wellen wie Leiber ineinander. Es waren schwer beladene Wasserwände, die vorwärtsgepeitscht wurden, ich sah sie kommen, mit Angst im Bauch, Wände, die an die Felsen prallten und unter meinem Fenster zusammenstürzten.“ (Seite 17)

Wie Menschen sich verlieren und wieder zueinander finden, vorsichtige Annäherungen und der Versuch, die Vergangenheit hinzunehmen und mit ihr zu leben, spiegelt sich in diesem Buch.

„In La Hague gleichen sich die Alten und die Bäume, sie sind ebenso knorrig und schweigsam. Vom Wind geformt. Manchmal kann man bei einer Gestalt in der Ferne nicht sagen, ob es ein Mensch ist oder etwas anderes.“ (Seite 139)

Sucht euch einen Platz im Freien, am Meer oder aber unter einem alten Baum und lest! Ein absolutes Highlight in diesem Jahr für mich!


btb Verlag
Taschenbuch
560 Seiten
ErstErscheinung 2008

Winter in Maine von Gerard Donovan

Ein Buch, um das ich in der Buchhandlung schon eine ganze Weile herumgeschlichen bin und das mir auch von den Thalia-Mitarbeitern besonders ans Herz gelegt wurde.

Es geht um Julius Winsome, der alleine in seinem kleinen Häuschen mitten im Wald lebt. Wie diese Wohnsituation schon vermuten lässt,  ist Julius ein Einzelgänger, der in Gesellschaft seines Hundes Hobbes und umgeben von all seinen Büchern ein zurückgezogenes Leben führt. Diese ungestörte Ruhe wird jedoch eines Tages durch Schüsse unterbrochen. – Im Grunde nicht ungewöhnlich, da sich des öfteren Jäger in dem riesigen Waldgebiet aufhalten. Doch dann kommt Hobbes nicht zum Haus zurück…

Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Inhalt des Buches nicht verraten. Wie meiner Meinung nach so oft verrät auch der Klappentext des Buches zu viel. Wer also Interesse daran hat, sollte auch von den Inhaltsangaben auf Amazon oder sonstigen Portalen Abstand nehmen.

Aber nun zu meinem Eindruck:

Schon Julius‘ Lebensraum hat mich sehr gereizt. Die Einsamkeit und das Gefühl, sich selbst genug zu sein, waren Motive, die mich zu diesem Buch greifen ließen.

Julius ist mir als Mensch während des Lesens näher gekommen. Auch wenn ich sein Handeln und seine Gedanken bis zum Schluss als nur schwer nachvollziehbar empfunden habe, ist er ein Protagonist, der mir wohl noch länger in Erinnerung bleiben wird. Ein solch schrulliger, eigenbrötlerischer Mensch ist mir in Büchern selten begegnet.  Doch trotz dieses ungewöhnlichen Charakters empfand ich Sympathie. Unweigerlich musste ich mich fragen, ob sein Leben in Einsamkeit überhaupt anders hätte verlaufen können. Die Kindheitserinnerungen, die immer wieder in die Geschichte eingeflochten werden, haben bei mir das Gefühl geweckt, dass seine Art zu leben vorgezeichnet war. Seiner Entwicklung zu folgen war deshalb besonders interessant.

Seine Beziehung zu Claire, einer Frau aus einer benachbarten Stadt,  zeigt, dass er die absolute Einsamkeit keineswegs genießt. Hat sie es ihm erst aufgezeigt oder war es ihm im Grunde schon vorher bewusst? Die Beziehung zu ihr scheitert jedoch und Julius versucht zu einem Alltag zurückzukehren, die ihm vorher ausgefüllt schien. Dies gelingt ihm nur äußerlich.

Wie dieses Buch schließlich zu Ende geht, war daher für mich persönlich eher nebensächlich.

Winter in Maine war ein gutes Buch, das mich zur richtigen Zeit erwischt hat. Trotz einiger „Vorfälle“ in der Handlung (die hier nicht weiter präzisiert werden sollen) ist es ein ruhiges, bedächtiges Buch, das Einblick in den Charakter eines Menschen gibt und manchmal auch streift, weshalb ein Mensch so wird wie er ist. Abgesehen von ein paar Schwächen kann ich dieses Buch durchaus weiterempfehlen. Wer allerdings Spannung und mitreißende Wendungen erwartet, ist hier eindeutig an der falschen Stelle.



Luchterhand Literaturverlag
gebunden
208 Seiten
Ersterscheinung 2009