Die Unwissenheit von Milan Kundera

Das Wichtige bei Milan Kundera sind nicht unbedingt die Geschichten. Das Wie und Wo ist nebensächlich (obwohl durchaus häufig historische oder politische Umstände und Details thematisiert werden). Für mich jedoch ist etwas anderes entscheidend: Seine Sprache, vor sich hin plätschernd leicht, und Gefühle, die niemals kitschig sind, sondern immer einem Grundbedürfnis entspringen.

Das Thema Kunderas Romans ist die Emigrantion und das Zurückfinden in die alte Heimat. Hin und hergerissen zwischen zwei Leben, zwei Ländern, zwei Identitäten – das ist die Situation von Irena und Josef. Nach 20 Jahren kehren sie in die Tschechische Republik zurück und finden das, was sie zurückgelassen haben, eigenartig vertraut vor. Die zufällige Begegnung von beiden am Flughafen verknüpft ihre Geschichten und Leben miteinander.

Mit dem Ende des Kommunismus stellt sich für Irena erstmals die Frage nach ihrer Identität als Emigrantin. Ihre Rolle, bisher für ihrer Außenwelt als auch für sich selbst klar definiert (wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise) löst sich auf.

„Später, als sie an einem Kaufhaus vorbeikam, fand sie sich unvermutet vor einer Wand mit einem riesigen Spiegel und blieb verblüfft stehen: die, die sie sah, war nicht sie, das war eine andere, oder, als sie sich länger in ihrem neuen Kleid ansah, das war sie, aber in einem anderen Leben, dem Leben, das sie gelebt hätte, wenn sie im Lande geblieben wäre. Diese Frau war nicht unsympathisch, sie war sogar rührend, aber ein bisschen zu rührend, zum Weinen rührend, mitleiderregend, armselig, schwach, fügsam.

Sie wurde von der gleichen Panik ergriffen wie früher in ihren Emigrantenträumen: durch die Zauberkraft ihres Kleides sah sie sich in einem Leben gefangen, das sie nicht wollte und aus dem sie nie mehr würde herauskommen können.“ S. 30f

Das alte Leben ist ihnen fremd geworden.

„Das Leben, das wir hinter uns gelassen haben, hat die schlechte Angewohnheit, aus dem Dunkel hervorzukommen, sich über uns zu beklagen, hart mit uns ins Gericht zu gehen. Fern von Böhmen hatte Josef verlernt, seine Vergangenheit zu beachten. Aber die Vergangenheit war da, erwartete ihn, beobachtete ihn. Voller Unbehagen versuchte Josef, an etwas anderes zu denken. Aber woran kann ein Mensch denken, der das Land seiner Vergangenheit besucht, außer an seine Vergangenheit?“ S. 84

Dabei verknüft Kundera Irenas und Josefs Schicksal geschickt mit kleinen Weisheiten. Sätze wie

„Die Ewigkeit ist die stehengebliebene, unbeweglich gewordene Zeit; die Zukunft macht die Ewigkeit unmöglich“ S. 97

sind typisch für ihn. Kaum einer schafft es, geschlagene zwei  Seiten über das Wort „Nostalgie“ und dessen  Bedeutung nachzusinnen, ohne dass man als Leser auch nur einen Moment gelangweilt ist. Kundera verbindet diese eingeflochtenen Weisheiten mit Belegen aus der Geschichte oder Mythologie.  Nicht nur an Episoden aus dem Leben des Helden Odysseus wird angeknüpft, auch Anekdoten über den isländischen Dichter Jonas Hallgrimsson oder den Komponist Arnold Schönberg finden mit scheinbarer Leichtigkeit ihre Verbindung zu Irenas und Josefs Leben.

Ein wunderschönes, stilles und nachdenkliches Buch.

Carl Hanser Verlag
gebunden
184 Seiten
ErstErscheinung 2000